Dienstag, 19. September 2017

Wenn das Niedrigkosten-Personal nicht mehr rundläuft. Ryanair hat eine Menge Probleme diesseits des EuGH-Urteils

Erst vor kurzem wurde hier die ganz besondere Art und Weise, wie Ryanair mit seinem Personal umgeht, anlässlich einer wichtigen Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in einem Blog-Beitrag kritisch thematisiert: Aus der Welt der Dumpingpreise und -löhne: Ryanair bekommt vom Europäischen Gerichtshof einen Schuss vor den Bug, was das Arbeitsrecht angeht, so ist der Beitrag vom 16. September 2017 überschrieben.

Parallel dazu dann der Schock für viele Kunden des Billigfliegers: Ryanair streicht bis 31. Oktober 2.100 Flüge. Bis zu 100.000 Kunden werden davon betroffen sein, so die Schätzung von Luftfahrtexperten.

Die erste Begründung des irischen Unternehmens für diesen Super-Gau war mehr als putzig: Man wolle dadurch die Pünktlichkeitsquote erhöhen. Ja klar, wenn die Flieger nicht fliegen, können sie sich nicht verspäten. Durch die Flugstreichungen könne Ryanair die „Belastbarkeit unserer Flugpläne verbessern und die Pünktlichkeit auf unser Jahresziel von 90 Prozent wiederherstellen“, führte Unternehmenssprecher Robin Kiely aus, kann man diesem Artikel entnehmen.

Nach der allgemeinen Heiterkeit ob der Dreistigkeit dieser "Begründung" wurde auf einmal eine andere nach vorne geschoben: Die Airline macht unter anderem eine vermasselte Urlaubsplanung für die vielen Flugausfälle verantwortlich so beispielsweise der Artikel Ryanair nennt neuen Grund für 2.100 gestrichen Flüge. Kenny Jacobs, Vorstand der Marketingabteilung von Ryanair, äußerte sich in einem Tweet so: „Es tut uns leid, es liegt daran, dass wir die Urlaubsplanung unserer Piloten verbockt haben.“
Aber auch das überzeugte nicht alle. Spekulationen darüber, dass Ryanair auf Kosten der Belegschaft zu schnell und zu aggressiv wächst, so dass jetzt Piloten zur Konkurrenz überlaufen und Ryanair auch deshalb Flüge streichen muss, wurden vom Ryanair-Chef Michael O'Leary natürlich zurückgewiesen, so Lutz Reiche in seinem Kommentar Der lustige Ire landet hart. Und weiter: »Doch Tatsache ist, Ryanair setzt gnadenlos auf Wachstum, bietet europaweit neue Verbindungen an, will seine Passagierzahl im laufenden Geschäftsjahr auf 130 Millionen steigern - bei fallenden Ticketpreisen wohlgemerkt, wie O'Leary noch Anfang Juni ankündigte. Dass dies auch auf Kosten des Personals geht, ist sehr wahrscheinlich.«

Mittlerweile wird immer deutlicher, dass Ryanair erhebliche Personalprobleme hat. Das schlägt sich dann in solchen Artikeln nieder: Gehen Ryanair die Piloten aus?, fragt sich Jan Schmidbauer.
Darin findet man diesen Passus:
»Bei Ryanair herrscht seit jeher eine hohe Fluktuation im Cockpit. Die Bezahlung der Piloten gilt als unterdurchschnittlich. Zudem steht die Airline wegen ihrer Arbeitsbedingungen in der Kritik. Viele Piloten sind nicht fest angestellt. Sie fliegen als Selbständige durch die Luft. Wie aus dem jüngsten Geschäftsbericht der Airline hervorgeht, bleiben Piloten im Schnitt nur vier Jahre bei Ryanair. Das Durchschnittsalter des Cockpit-Personals beträgt gerade einmal 34 Jahre.
Laut Jim Phillips von der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit hat die hohe Fluktuation System. "Ryanair hat immer damit geplant, dass sie jedes Jahr 20 Prozent ihrer Piloten verliert", sagt er. Jahrelang sei das kein Problem gewesen. Die Airline habe stets genug neue Anwärter fürs Cockpit gefunden, die bereit waren, die teure Ausbildung selber zu bezahlen. "Für Ryanair war es oft günstiger, neue Leute zu holen, als die alten zu behalten", sagt Phillips. Nun gehe diese Strategie allerdings nicht mehr auf.«
Und offensichtlich haben die jetzt ein Problem: »Nach Einschätzung des Luftfahrtexperten fehlen am Markt derzeit viele Flugkapitäne, also besonders erfahrene Piloten mit vielen Flugstunden. Ryanair versuche bereits, sie bei anderen Fluggesellschaften abzuwerben, unter anderem bei der insolventen Air Berlin ... Selbst in Südamerika sucht Ryanair nach Piloten. So veranstalte die Billigairline Mitte August eine Infoveranstaltung in Rio de Janeiro.«

Und jetzt wird man zum Gefangenen seiner eigenen Billigheimer-Strategie:
»Für die Fluggesellschaft ist es laut Phillips allerdings schwierig, Piloten abzuwerben. Oft müssten sie auf eine Menge Geld verzichten, wenn sie ins Cockpit von Ryanair wechseln wollen, insbesondere, wenn sie bislang für gut zahlende europäische Airlines geflogen sind. "Das sind in vielen Fällen Einbußen von 50 Prozent. Wenn nicht mehr." Womöglich sind die Arbeitsplätze bei anderen Billigairlines attraktiver. So erklärte Konkurrent Norwegian Air, man habe in diesem Jahr bereits 140 Ryanair-Piloten übernommen.«
Aber man glaube ja nicht, dass der irische "Low-Cost-Carrier" Einsicht zeigt dahingehend, dass man besser mit seinen Leuten umgehen muss. Das zeigen solche Meldungen: Ryanair drängt Piloten zu Urlaubsverzicht. Alle Piloten wurden aufgefordert, »selbst in einem Monat zu arbeiten, für den schon Urlaub gewährt wurde.«

Als "Gegenleistung" wird den Piloten ein Bonus in Aussicht gestellt - für den November 2018.
»Die Auszahlung wird aber an mehrere Bedingungen geknüpft. So müssen die Piloten mindestens bis Ende Oktober nächsten Jahres weiter bei Ryanair fliegen, auf zehn Tage Urlaub verzichten. Davon müssen dann fünf Tage in einer bereits genehmigten Auszeit liegen. Außerdem müssen mindestens 800 Flugstunden binnen zwölf Monaten absolviert werden.«

Bei solchen Bedingungen können 12 Monate sehr lang und die scheinbar versprochene Auszahlung kann sich wie verhalten wie Butter in der Sonne.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Abgesehen von den erschreckenden Arbeits- und Entgeltbedingungen für (scheinselbständige) Arbeitnehmer beim Extrembeispiel Ryanair sollte der Flugverkehr als solcher erheblich eingeschränkt werden, und zwar global.

Ich stelle mir in dieser Hinsicht eine Art CO2-Kontingent pro Mensch vor: Wer in seinem oder ihren Leben dieses Kontingent erreicht hat, hat schmerzhafte Luxussteuern auf u. a. Flugreisen zu bezahlen. Sagen wir mal 1000 € pro Flug (eine Richtung), egal, wie weit der Flieger fliegt.

Denn selbst intelligente Menschen wollen meiner bisherigen Einschätzung nach nicht wahrhaben, dass sie mit ihrem enormen Ressourcenverbrauch diesen Planeten unweigerlich gegen die Wand fahren.

Anonym hat gesagt…

Falls sich die Fakten bestätigen, zeigt es deutlich das Wettbewerb und Markt ein gutes Mittel gegen Lohndumping, Scheinselbständigkeit und Ausbeutung jeder Art ist. Zum Beispiel zahlt Aldi seine Mitarbeiter über den Branchenschnitt.
Die schöpferische Zerstörung schafft vielleicht irgendwann eine bessere Fluglinie die auch die Mitarbeiter u. Ökologie berücksichtigt.
Gerade Rheinland-Pfalz hat in zwei großen gescheiteren Projekten (Flughafen Hahn, Nürburgring) gezeigt, dass der Staat es nicht besser kann. In diesem Fall interessiert mich, welche Unterstützung Ryanair vom Land Rheinland-Pfalz, Bund und der EU bekommen hat (direkte Subventionen, günstige Preise am Flughafen Hahn, weitere Zugeständnisse bzgl. Flughafen Ausbau etc.)?

Es zeigt auch das die Gesetzgebung der Scheinselbständigkeit, schwierig zu steuern und regeln ist. Weitere Verschärfungen führen in anderen Branchen zu weiteren Verwirrungen und der Auswanderung der Experten. Oder Unternehmen versuchen nun einst freie und gut bezahlte Experten in die Leih- und Zeitarbeit zu pressen. Arbeitnehmerüberlassung wird nun HR-Bypass (https://frisco-freelancer.de/produkte-services/bypass-loesung).

Ist dies noch im Sinne der Gesetzgebung vom 01.04.2017? Vielleicht ist in diesem Fall weniger Gesetz mehr? Warum wird der Einzelunternehmer am Markt eingeschränkt? Aber die Aktiengesellschaft darf weiter frei agieren? Ist dies Chancengleichheit nach Artikel 2 (Der Mensch ist frei) und Artikel 3 (Vor dem Gesetz sind alle gleich) des Grundgesetzes in einem Land in dem jede Partei die Gründungskultur im Wahlkampf hervorhebt?

Gardinenverkäufer hat gesagt…

Inwieweit "Markt und Wettbewerb" ein gutes Mittel gegen Lohndumping, Scheinselbständigkeit und Ausbeutung jeder Art ist erschließt sich mir nicht - man müsste eher umgekehrt die Frage stellen, wie es zu solchen Formen von Missbrauch kommen kann.

Im Falle von Ryan Air war es ein neues Luftverkehrsabkommen zwischen dem vereinten Königreich und Irland, dass den kommerziellen Luftverkehr zwischen beiden Ländern "deregulierte" ("in den freien Wettbewerb entließ").

Da Ryan Air dadurch auch von allen Tarifbeschränkungen befreit war, konnte man damals den Hin- u. Rückflug zwischen der britischen und irischen Hauptstadt zu einem Dumpingpreis anbieten (95 irische Pfund). Im Zentrum des Geschäftsmodells steht das sog. das "No-frills Konzep"t, was nichts anderes bedeutet, als das man auf sämtliche Extras und Serviceleistungen verzichtet.

Die Idee der Billigflüge hatte sich der Ryan-Air Gründer Tony Ryan, von der texanischen Southwest-Airline abgeguckt

Die Geschichten findet man hier: http://www.berlin-spotter.de/airlines/ryanair.htm

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/billigflieger-ryanair-gruender-tony-ryan-ist-tot-1489187.html

Ryan Air betreibt auf europäischer Ebene auch eine Art Lobbyismus für Streikverbote im Flugverkehr. In einer Pressemitteilung vom 4. April 2012 schlägt Ryanair ernsthaft vor, Fluglotsen europaweit unter Militär- oder Polizeirecht zu stellen und ihnen das Streiken zu verbieten.

allerdings bläst Ryan Air der Wind auch ins Gesicht - der Aktivist John Foley treibt eine Kampagne gegen "Ausbildungs-Betrug" und Lohndumping voran.
John Foley hat die Kampagne ins Leben gerufen nachdem seine als Stewardess arbeitende Tochter kurzfristig und ohne einen Penny in der Tasche auf die Straße gesetzt worden war. Ryanair beutet Auszubildende im großen Maßstab aus, indem die potentiellen Crew-Mitglieder ungefähr 3000€ an eine Agentur für die Ausbildung bezahlen müssen. Nach der Ausbildungszeit werden sofort 60 ArbeiterInnen entlassen, einen Monat später sind es insgesamt 200. Wer es schafft dabei zu bleiben, arbeitet ein Jahr auf Probe für ein niedrigeres Gehalt als andere KabinenmitarbeiterInnen und Ryanair behält den Rest, ungefähr 20 Millionen Pfund pro Jahr.

https://arbeitsunrecht.de/ryanair-lotsen-streiks-in-europa-verbieten/

In Dänemark kam es 2015 zu einem ersten Erfolg der Gewerkschaften gegen Ryan Air. In Dänemark sowie in anderen nordischen Staaten werden Löhne und Arbeitsbedingungen fast ausschließlich über Kollektivverträge geregelt. Nachdem sich Ryan Air weigerte sein örtliches Bodenpersonal nach dänischen Arbeitsrecht zu behandeln genehmigte das dänische Arbeitsgericht der Gewerkschaft Arbeitskampfmaßnahmen.
In Dänemark beträgt der Stundenlohn für Flugbegleiterinnen 17 €, der damit deutlich unter den dänischen Standard liegt.

http://www.oegb.at/cms/S06/S06_5.a/1342558126612/eu-international/schlag-gegen-lohndumping-bei-ryanair

Eine Studie der Universität Gent zum Thema "atypische Anstellungen v. Piloten", an der mehr als 6500 Piloten teilnahmen ergab ein desillusionierendes Ergebnis.
Immer mehr Piloten landen in der Scheinselbständigkeit - oder arbeiten über eine Zeitarbeitsfirma. Im Falle von Ryan Air handelt es sich um die Fa. Brookfield Aviation International. Brookfields Buchhalter gründen Mini-Firmen, bei denen die Piloten dann Direktoren werden. Letztendlich sind die Piloten nur scheinbar selbständig.

Die Studie findet man hier: https://www.eurocockpit.be/sites/default/files/report_atypical_employment_in_aviation_15_0212_f.pdf

Gardinenverkäufer hat gesagt…

Hinsichtlich des anonymen Beitragsverfassers, de sich die Frage nach (finanzieller) Unterstützung stellt, die evtl. div. Bundesländer v. Ryan-Air erhalten haben hier noch folgende ergänzende Infos...

Dass die Billigflieger womöglich auch durch öffentliche Gelder profitieren - berichtete der "Stern" 2009. U.a. hiess es: Deutsche Gerichte und die EU-Kommission bemängeln in Hahn und in Lübeck fehlende Transparenz wie die Fördermaßnahmen der Länder und Kommunen im Detail aussehen und woher die Mittel stammen. Unklar bleibt, wie sich di eFlughäfen totz der niedrigen Gebühren v. Ryan-Air finanzieren können. Der Verdacht liegt nahe, dass die Schnäppchen-Tickets der Billigflieger mit öffentlichen Geldern subventioniert werden.

In Östereich wurde u.a. die Linie Klagenfurt -London gestrichen, nachdem sich das Bundesland Kärtnen geweigert hatte, jährlich mehr als 1 Million Euro dafür zu zahlen, dass Ryan-Air Klagenfurt anfliegt

(http://www.airliners.de/subventionen-laufen-aus-ryanair-streicht-fluege-nach-klagenfurt/30359)

Ähnliche Kosten fallen vermutlich auch in Deutschland an - wie man aus Leipzig/Altenburg erfahren kann. Weil das Land Thüringen keine Werbezuschüsse mehr zahlen wollte - und weder der Landkreis noch die Stadt die rund 900.000 € pro Jahr aufbringen konnten.

Aufgedeckt wurde die Geschichte vom ARD-Magazin "Panorama" - Ryain-Air: Heuschrecke grast Subventionen ab.

http://www.airliners.de/subventionen-laufen-aus-ryanair-streicht-fluege-nach-klagenfurt/30359 (mit Video)

In Spanien erhält Ryan-Air 40 Millionen Euro dafür, dass sie die Flughäfen Reus und Girona in der Provinz Katalonien anfliegt

(http://www.aerotelegraph.com/reus-girona-ryanair-subventionen-neuer-vertrag)

Ähnlich lief es in Frankreich - als aber französische Richter urteilten, dass Zahlungen i.H. v. 1,4 Millionen Euro, die als Marketingausgaben deklariert wurden, den Wettbewerb verzerrten, drohte Ryan-Air damit nach Baden-Baden umzuziehen.

Der Betreiber des Flughafens von Straßburg, die örtliche Industrie- und Handelskammer, wird zwar überwiegend von französischen Unternehmen finanziert, gilt aber trotzdem als staatliche Institution. Der Fall ist vor allen Dingen deshalb pikant, weil sich mit Air France ausgerechnet ein Konzern beschwert hat, der noch immer mehrheitlich dem französischen Staat gehört und selbst seit Jahrzehnten von den französischen Steuerzahlern subventioniert wird.

Der Verein Germanwatch e.V, hat in einem "Briefing Papier" - die Subventionierung des Flugverkehrs näher beschrieben. Finanziell gefördert wird dieses Projekt vom Bundesumweltministerium und vom Bundesumweltamt: https://germanwatch.org/rio/bpflug03.pdf

zum Schluss: Die Definition bzw. die Begriffbestimmung der Scheinselbständigkeit - also im Grunde genommen eine abhängige, weisungsgebundene Beschäftigung - findet man auch im Netz…