Montag, 12. Juni 2017

Jenseits des gewöhnlichen Rentners: Die mit einem statistisch langen Leben beglückten Beamten und ihre Pensionen

Überall redet man von Renten und Rentenreformen, wobei die einen darunter die Fortsetzung der bisherigen Deckelungs- und Kürzungspolitik verstehen, während einige andere das Rentenniveau wieder anheben und an anderen Stellschrauben im System der gesetzlichen Rentenversicherung drehen wollen, um die finanzielle Lage der Rentner zu verbessern. Noch andere - wie beispielsweise die CDU - wollen gar nichts sagen zur Rentenpolitik bis zur Bundestagswahl (vgl. Union verzichtet im Wahlkampf auf eigenes Rentenkonzept), während die anderen Parteien wie jüngst die SPD Rentenreformvorschläge in die Öffentlichkeit getragen haben, über die man natürlich sofort hergefallen ist - ein besonders fragwürdiges Beispiel für den offensichtlich asymmetrischen Wahlkampf, der hier inszeniert wird, denn wenn man keine inhaltliche Position bezieht, dann kann man auch nicht kritisiert werden und die anderen bekommen ihr Fett weg, was bei vielen Wählern hängen bleibt, weniger aber das Wegtauchen der Union in dieser Frage. Aber da gibt es noch ein anderes, ganz und gar eigenes Alterssicherungssystem neben der gesetzlichen Rentenversicherung: die Pensionen der Beamten.

Nein, hier soll jetzt nicht das Fass mit möglichen Neiddebatten über die (angeblich bzw. tatsächlich) gute Versorgung der im Ruhestand befindlichen Staatsdiener aufgemacht werden, nicht einmal die offensichtlichen Ungleichbehandlungen und daraus resultierende Gerechtigkeitsfragen stehen hier im Mittelpunkt. Dazu könnte man viel sagen und das wird auch hin und wieder an die Oberfläche der öffentlichen Diskussion gespült. »Alle reden über Rentenreformen – aber warum packt keiner die Pensionen der Beamten an? Deren Altersbezüge sind hoch. Nur sie selber streiten das gern ab«, so beginnt beispielsweise ein Artikel von Nadine Oberhuber aus dem Juni 2016 über Beamtenpensionen.

Und es soll hier auch gar nicht um den Tatbestand gehen, dass man statt Neid und "Hängt sie"-Reflexen durchaus den Standpunkt einnehmen könnte, dass man ja von wichtigen Komponenten der Beamtenversorgung im Alter vielleicht mal lernen und diese kopieren könnte, so beispielsweise mit Blick auf die Tatsache, dass es bei der Alterssicherung der Staatsdiener ein Pendant zu einer (für die "normalen Rentner" nicht vorhandenen) armutsfesten Mindestrente gibt (die dann auch noch deutlich über dem Betrag liegt, den man nach einem sehr langen Erwerbsarbeitsleben (wir sprechen hier von 45 Beitragsjahren und immer durchschnittlichen Verdienst) erreichen kann: Beamte haben schon nach fünf Dienstjahren Anspruch auf eine Mindestpension, die 2017 bei 1.660 Euro monatlich liegt.

Man könnte auch darauf hinweisen, dass sich das derzeit so kontrovers diskutierte (weiter absinkende) Rentenniveau (vgl. dazu auch genauer den Beitrag Das große Durcheinander um Rentenniveau, Niveau der Renten, Rente als Wahlkampfthema. Und eine rechnerische Gewissheit mit fatalen Folgen vom 8. Oktober 2016) nicht auf das letzte Einkommen vor dem Ruhestand bezieht, sondern auf das, was sie im Laufe ihres Arbeitslebens an Entgeltpunkten zusammengesammelt haben, also einen Teil ihres Lebensdurchschnittsverdienstes darstellt, während bei den Pensionen der Beamten das letzte Gehalt (und davon gut 71 Prozent) ausschlaggebend ist (was auch erklärt, dass der Aufstieg in die höchstmöglich erreichbare Besoldungsgruppe ungeahnte Energien freisetzt).

Hier soll so eine Meldung genauer unter die Lupe genommen werden: Hamburg fehlen Hunderte Millionen für Pensionszahlungen: »Bereits 2016 fehlten für Pensionszahlungen mehrere Hundert Millionen Euro im Haushalt der Stadt. Grund ist, dass Hamburgs Beamte älter werden als angenommen. Ein neues Prognosemodell soll nun schnell her«, kann man dem Artikel entnehmen.

Der Finanzsenator der Freien und Hansestadt Hamburg, Peter Tschentscher (SPD), konnte eine eigentlich frohe Botschaft verkünden: Die zusätzlich zu erwartenden Steuereinnahmen belaufen sich in diesem Jahr auf immerhin 769 Millionen Euro. Aber: Bisher ungeahnt höhere Pensionslasten kommen auf die Stadt zu. »Schon für das Jahr 2016 fehlten 340 Millionen Euro, die nun so schnell wie möglich nachbewilligt werden müssen. Wie viel Geld im aktuellen Doppelhaushalt und für die kommenden Jahre zusätzlich zurückgelegt werden muss, wird ein neues Gutachten zeigen.«

Wie kann das sein? Die Auflösung dieser handfesten Zahlenlücke in Euro: Der Grund für die Mehrkosten sind Hamburgs Beamte, die älter als durchschnittliche Deutsche werden und damit länger Pensionen beziehen als angenommen.
»Mangels besserer Erkenntnisse, so schreibt es der Senat in seiner Drucksache, habe man sich bisher an den Heubeck-Sterbetafeln 2005 G orientiert, einer in der Tat anerkannten Rechengrundlage, um zum Beispiel die betriebliche Altersvorsorge zu bestimmen.« Doch die unterschätzen das tatsächlich erreichte Lebensalter und die damit verbundenen Pensionsverpflichtungen: »Ausschlaggebend für die Abweichungen vom Bundesdurchschnitt sind offenbar vor allem Hamburgs Lehrer und Hochschulprofessoren. Sie machen einen deutlich höheren Anteil an den Beschäftigten im öffentlichen Dienst aus als das in Städten der Fall ist, die nicht gleichzeitig Bundesland sind. Und da allgemein das Lebensalter mit dem Bildungsniveau und dem Einkommen steigt, sorgt diese hohe Zahl an Akademikern für den statistischen Ausreißer.«
Erst jetzt soll ein neuer Gutachter ein neues Prognosemodell entwickeln, in das nicht nur hypothetische Annahmen zur Sterblichkeit von Arbeitnehmern einfließen, sondern auch die tatsächlichen Daten zu Hamburgs Beamten aus den Jahren 2013 und 2014. Schon jetzt rechnet der Senat mit erheblichen Mehrkosten.

Zur Frage der Lebenserwartung "normaler" Sterblicher und der Beamten hat sich vor kurzem auch das Statistische Bundesamt mit einem Fachbeitrag zu Wort gemeldet: Lebenserwartung von Beamtinnen und Beamten. Befunde und Auswirkungen auf künftige Versorgungsausgaben, so ist der Aufsatz von Felix zur Nieden und Alexandros Altis überschrieben, der in der Fachzeitschrift "Wirtschaft und Statistik" publiziert wurde. »Es zeigt sich, dass Beamtinnen und Beamte eine höhere Lebenserwartung haben als Frauen und Männer der Gesamt­bevölkerung. Berücksichtigt man diesen Vorteil, ergeben sich hierdurch bis zu 11% höhere Versorgungsausgaben auf Bundesebene«, so die beiden Statistiker zu einem der zentralen Ergebnisse ihrer Berechnungen.
»Die Sterbewahrscheinlichkeiten von Beamtinnen und Beamten liegen in den nachweisbaren Altersjahren deutlich unter denen der Gesamtbevölkerung. Im Alter 70 sind sie bei Beamtinnen um 31% und bei Beamten um 36% niedriger. Mit steigendem Alter nehmen die relativen Unterschiede dann ab – im Alter von 80 Jahren sind die Sterbewahrscheinlichkeiten von Beamtinnen (um 23 %) und Beamten (um 22 %) noch geringer als die der Gesamtbevölkerung. In den hohen 90er­ Altersjahren sind die Differenzen dann praktisch nicht mehr vorhan­den.« Hinzu kommt eine deutliche Zunahme der Lebenserwartung: Für »Beamtinnen im Jahr 2060 (ergibt sich) eine fernere Lebenserwartung im Alter 60 von 30,6 Jahren, für Beamte von 27,5 Jahren. Das entspricht einem Zuwachs von 3,7 beziehungsweise 3,8 Jahren im Vergleich zu den für den Zeitraum 2010/2012 ermittelten Werten.«

Abschließend wieder zurück auf die Systemebene. Im Vergleich zu den 250 Milliarden Euro, die jährlich von der gesetzlichen Rentenkasse an die Rentner gezahlt werden, scheinen die 38,5 Milliarden Euro für Beamtenpensionen auf den ersten Blick überschaubar, so Nadine Oberhuber in ihrem Artikel aus dem vergangenen Jahr. Allerdings stehen den 20,5 Millionen Rentnern nur 1,1 Millionen pensionierte Beamte gegenüber. »Rechnet man also einmal simpel pro Kopf um, was demnach jeder Beamte bekommt, sind es 2.356 Euro im Monat, während jeder Rentner 857 Euro kriegt.« Nun schreibt Oberhuber selbst, dass man so einfach nicht rechnen kann. Aber dennoch - auch bei einer Betrachtung der Gesamteinkommenslage schneiden Pensionärshaushalte deutlich besser ab als die Rentnerhaushalte und Unterschiede bleiben selbst dann bestehen, wenn man berücksichtigt, dass es unterschiedliche Qualifikationsniveaus zwischen Pensionären und der großen Gruppe der Rentner gibt.

Aber mit Blick auf die Zukunft sollte man zwei Aspekte nicht aus den Augen verlieren: Zum einen müssen die Pensionen im Wesentlichen aus dem laufenden Steueraufkommen des Dienstherrn finanziert werden und die Beamten sind vor allem ein "Problem" für die Bundesländer, denn dort gibt es die meisten von ihnen - Polizeibeamte, Lehrer, Professoren, Richter, Finanzbeamte. Und dort gibt es auch viele Beamte, die in den höheren Besoldungsgruppen sind mit entsprechend hohen Pensionsverpflichtungen. Und da muss man zumindest für die vor uns liegenden zwanzig Jahre zur Kenntnis nehmen, dass die große Pensionierungswelle gerade beginnt, da in dieser Zeit die vielen gerade in den 1970er und 1980er Jahren zusätzlich eingestellten Beamten aus den geburtenstarken Jahrgängen in den Ruhestand gehen werden, mit entsprechend ihren letzten Besoldungsgruppen hohen Pensionsansprüchen. Das wird für die Haushalte der Bundesländer ceteris paribus ein mehr als großes Problem werden.

Nun gibt es ja auch in der aktuellen rentenpolitischen Debatte immer wieder den Vorschlag, die Beitragszahlergemeinschaft zu erweitern. Beispielsweise durch die Einbeziehung der Selbständigen. So findet man im Rentenkonzept der SPD diesen Hinweis: »Zukünftig werden Selbstständige, die nicht in einem Versorgungswerk abgesichert sind, in die Solidargemeinschaft der gesetzlichen Rentenversicherung einbezogen ... Die Einbeziehung der bisher nicht versicherten Selbstständigen ist der erste Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel, die gesetzliche Rentenversicherung zu einer Erwerbstätigenversicherung auszubauen.« (S. 4). Aber man wird nur wenige Stimmen hören, die auch eine Einbeziehung der Beamten fordern. Da dominiert eine resignative Grundhaltung nach dem Muster, den Krieg habe man schon verloren, bevor man ihn überhaupt anfängt.

Auch Oberhuber stützt diese Haltung mit diesem Hinweis: »Das Problem bei einer großen Reform des Pensionssystems für Beamte dürfte sein: Dafür ist eine Zweidrittelmehrheit des Bundestages nötig. Die stärkste Fraktion aber, die dort vertreten ist, ist eben diejenige der Beamten. Gleich dahinter folgen die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes und der politischen Parteien. Beide Berufsgruppen stellen rund 40 Prozent des Bundestages. Unwahrscheinlich, dass da eine Diskussion über Pensionen entbrennt. Oder gar Taten folgen.«
Das ist ein wichtiger Aspekt, muss und sollte einen allerdings nicht davon abhalten, grundsätzlich nachzudenken und immer wieder die Systemfrage zu stellen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wenn ich nicht irre, sind auch Sie Beamter! Man sieht Sie oft im Fernsehen, denn Sie greifen Missstände auf! Es ändert sich aber nichts. Leider. Trotzdem danke. Armut bedeutet bis zu 10 Jahre geringere Lebenserwartung. Vom Jobcenter alleine gelassen, krank. Kann es ein Lebensmodell sein, altersarm sein Rentnerdasein zu fristen? Da wäre doch der Sensenmann eine Art Erlösung (Ironiemodus aus). Mit meinem Statement möchte ich keinesfalls eine Neiddebatte auslösen.

Stefan Sell hat gesagt…

Das ist wohl wahr, auch ich bin als Hochschullehrer Beamter, aber das hindert mich persönlich nicht an einer kritischen Sicht auf die zahlreichen Sonderregelungen aus sozialpolitischer und darüber hinausgehender gesellschaftspolitischer Sicht, die wir nicht nur bei der Alterssicherung haben, sondern auch beispielsweise bei der Nicht-Einbeziehung der Beamten in die Gesetzliche Krankenversicherung, vgl. dazu erst vor kurzem meinen Blog-Beitrag Neue Studie: Beamte in die Gesetzliche Krankenversicherung? vom 10. Januar 2017.

Speziell zu dem von Ihnen angesprochenen Aspekt der erheblichen Streuung der Lebenserwartung in Abhängigkeit von der sozialen Lage der Betroffenen kann ich Ihren Hinweis nur unterstreichen, dass man sich das bewusst macht, denn das ist ein zentraler Einwand, den ich formuliert habe in der Debatte über eine schematische Erhöhung des Renteneintrittsalters, die gerade jüngst immer wieder in die Debatte gebracht wird und die zu einer erheblichen Potenzierung der bereits vorhandenen sozialen Ungleichheit in den sozialen Sicherungssystemen selbst führen würde. Dazu diese Blog-Beiträge: Bereits vom 17. Oktober 2014 Das haben sie davon: Früher in Rente = früher ins Grab. Oder doch nicht?, am 5. März 2016 Alles ist ungleich verteilt. Auch die statistische Erwartung eines immer länger werdenden Lebens, am 22. April 2016 dann der Beitrag Rente mit 70(+)? Warum die scheinbar logische Kopplung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung unsinnig ist und soziale Schieflagen potenziert sowie am 15. November 2016 Where you live can kill you. Arm und krank ist weit mehr als nur ein Sprichwort.

Gardinenverkäufer hat gesagt…

Der Neidstachel sitzt tief - immer sind es die Beamten, die Vorteile bzw. bezogen auf die Krankenversicherung (private Krankenversicherung) "staatliche Beihilfe" beziehen. Sprich sie haben angeblich Vorteile wenn sie Termine oder Behandlungen bei Ärzten benötigen.

Dass Beamte Privatversichert sein müssen hängt nicht nur mit beamenrechtlichen Bestimmungen sondern auch verfassungsrechtlichen Regeln zusammen.

Sprich als Beamter muss ich die Rechnung eines Arztes usw. erst selbst bezahlen (bei höheren Summen kann man einen Vorschuss/Abschlag beantragen). In den meisten Fällen (sofern man noch im Dienst ist) beträgt die Aufteilung jeweils 50/50 (PVK/Beihilfe), in der Pension dann 30/70.
Natürlich muss man die Beiträge zur Privaten Krankenversicherung selbst von seinem Gehalt zu 100% bezahlen und die sind nicht gerade billig

Mit dem Rentenanpassungsgesetz wurden nicht nur die Bezüge und Pensionansprüche der Beamten geregelt, sondern auch viele Beihilfereglungen neu gestaltet, d.h. wer z.B. Sehilfen benötigt der bekommt nur noch die Gläser - je mach augenärtzlichen Befund - bezahlt bzw. mit Abschlägen.

Wer wissen will was Beamte (Bundes-/Länderbeamte) verdienen kann einen Blick in die öffentlich zugänglichen Besoldungstabellen werfen.

Die meisten Beamten sind im mittleren Dienst (A6-A9)angesiedelt, dann gehobener Dienst (A9-A13) und dann die Spitze der Pyramide der höhere Dienst mit A13-B9. Der A6 zahlt dabei genau soviel wie der B9 (über 140.000 Euro Jahreseinkommen). Der Betrag kann dabei je nach KK und Tarif schon in jungen Jahren 250-400 Euro (vor allem Frauen) betragen.
Dieser Betrag wird vom Nettoeinkommen abgezogen....- Beamter, Bund, A6, 1. Erfahrungsstufe 2.253,30 € monatlich brutto, abzgl. Lohnsteuer, Kirchensteuer, Soli, nehmen wir an ledig, Steuerklasse I, verbleiben ca. 1850 €, abzüglich private Krankenversicherung 250 € mtl. bleiben 1600 €.

Umgekehrt wird es heissen, wenn der vorg. Beamte auch in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlen muss, auf die 2253 € werden die sozialversicherungspflichten Beiträge in Höhe v. derzeit 37,85%, davon 14,6% Krankenversicherung, aufgeschlagen. Der Staat muss also 852,87 € /mtl. zusätzlich mehr Gehalt bezahlen. Also wird es ein draufzahlgeschäft...

bei Herrn Sell macht dass dann schon ein "wenig mehr" aus...

aber worum geht es - der Staat überlegt sich wie er seine Sozialversicherung bzw. Krankenversicherung sanieren (nein - zu noch mehr Geld kommen) kann - sie gehören ja zum größten Etat im Bundeshaushalt - nach den Zahlungen an die ALG usw. Empfänger - aber letztendlich immer zu Lasten der Bürger.

Der Gesundheits- und Pflegebereich ist zusammen mit dem Pharmabereich ein Milliardengeschäft- Kontrolle und Überwachung findet - fast nicht statt.

Ich denke es muss ganz woanders angesetzt werden - und nicht eine bewährtes System in Frage stellen.







Stefan N. hat gesagt…

@Gardinenverkäufer
Trotzdem geht es Ihnen besser als vielen Menschen in diesem Lande. Sie sind unkündbar (es sei denn, Sie begehen eine Straftat oder ähnliches). Wie ich in meinem ersten Beitrag ausführte, ist Neid in dieser Debatte kein guter Ratgeber. Aber man muss eine Grundsatzfrage stellen dürfen: kann es eine Gesellschaft auf Dauer erdulden und stemmen, wenn Millionen Menschen im Alter arm sind, während die Pensionäre einen angenehmen Lebensabend haben? Ich lese oft, dass ja der überwiegende Teil der verbeamteten MitarbeiterInnen sehr gut ausgebildet sei. Dies wird sicherlich nicht von der Hand zu weisen sein, aber es gibt auch jede Menge sehr guter Fachkräfte in der freien Wirtschaft.
Fallbeispiel: Beamter, unkündbar, tolle Pension, hohe Lebenserwartung. In Bonn gibt es deutschlandweit die meisten 100-jährigen. Warum wohl?? :)
Kaufm. Angestellter arbeitet in einem mittelständischen Betrieb. Nach 30 Jahren Betriebszugehörigkeit muss der Chef Insolvenz anmelden. Er ist 50 und wird arbeitslos. Es folgt 1 Jahr das Arbeitslosengeld I, das noch einen einigermaßen erträglichen Lebensstandard bietet (60/67% vom Durchschnittsnettolohn der letzten 12 Monate). Dann folgt der Absturz in die steuerfinanzierte "Fürsorgeleistung" ALG II, im Volksmund Hartz IV genannt (409 EURO + KdU). Immer wieder kommt es vor, dass Jobcenter die Mietkosten nicht voll übernehmen (das ist aber ein anderes Thema).
Da rutscht man unter das eigentlich staatlich garantierte Existenzminimum. Eine Gesellschaft wird langfristig daran zerbrechen. Es gibt sie noch. die Inseln der Glückseligen. Aber wie lange noch? Soziale Unruhen sind in Deutschland weitgehend unbekannt, aber.....
Der Staat muss eine armutsfeste Grundsicherung schaffen und die Beamtenregelungen neu überarbeiten. Warum bekommen Pensionäre einen bestimmten Prozentsatz vom letzten Gehalt, die Rentner nicht? Also Ihr "bewährtes System" ist nicht mehr zeitgemäß. Die Bundesregierung hat 2010 die Banken gerettet, indem sie Hartz IV-Empfängern die Rentenbeiträge gestrichen hat. Ich bin, wenn Sie so wollen, von der Rente abgekoppelt. Bis dato habe ich 28 Jahre voll, bin 53 und seit 10 Jahren, auch krankheitsbedingt, von Hartz IV abhängig. Es gab schon viele Monate, in denen ich verzweifelt bin, weil das knappe Geld trotz Einsparungen kaum reichen kann. Laut DRV werde ich 2030 ca. 550 EURO Rente bekommen: brutto!! Da bleibt nur der Gang zum Sozialamt, um nicht verhungern zu müssen. Das alles bleibt (blieb) Ihnen ja erspart. Ich unterstelle auch, dass die Regierung nur wenige Jahre mit der Grundsicherung im Alter pro Person plant, da die meisten verarmt frühzeitig sterben werden (wieder anderes Thema).

St. Nawrath hat gesagt…

Wie sieht es aus mit der Umsetzung des gesetzlichen Mindestlohns? Aus der Welt der Mindestlohnvermeider
@ Gardinenverkäufer

Gardinenverkäufer hat gesagt…

@Stefan N usw.; Warum immer das Beispiel des Beamten/-in? Wie schon mehrmals hier ausgeführt (auch wenn hier immer wieder der Vorwurf der Unkündbarkeit, üppige Pension usw.) eingeworfen wird, denke ich nicht, dass - abgesehen von den Beamten mit A12/A13-16, B-Besoldung - die Vielzahl der kleinen Beamten üppige Pensionsansprüche haben. Das gilt für alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes.

Zurück zum eigentlichen Thema - warum sind hier viele Menschen arm? Der Antworten gibt es viele - nur will unsere Politik (egal welcher Partei) dass Problem nicht wahrhaben bzw. bekämpfen.

In Neuseeland z.B. zahlt man eine Beiträge in die Rentenversicherung, dort ist alles steuerfinanziert - Rente in Form von einer Grundsicherung erhalten dort alle, egal ob man gearbeitet oder nicht gearbeitet bzw. selbständig war (ca. 370 NZ-$/Woche)- wenn man die Voraussetzungen dafür erfüllt.

Nicht die Politik bestimmt wo es langgeht, sondern globale Finanzkapitäne - nachzulesen u.a. Wem behört die Welt? - die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus v. Hans Jürgen Jakobs.

Zudem wandert immer mehr Geld in die "schwarze/illegale" Wirtschaft. Dem deutschen Staat geht jährlich mind. 1 Billion Euro verloren.

Das Beispiel mit dem 50jährigen, der arbeitslos wird und auf Hartz IV abrutscht - hier muss der Staat eingreifen bevor es zu spät ist, Aber auch der Betroffene selbst muss tätig werden - notfalls mit räumlicher Veränderung - aber auch hier gibt es "Problemfälle" - über die hier zu diskutieren zu lange wird.

Und - ich kenne die Praktiken der kriminellen Arbeitegeber" - aber auch von Hartz IV Empfängern die ihren Nebenverdienst nicht mitteilen...

Stefan N. hat gesagt…

@Gardinenverkäufer
vielen Dank für Ihr Feedback. Herr Professor Stefan Sell wird Ihnen sicherlich gerne bestätigen, wie schwer es ist, sich aus eigener Kraft aus der Hartz IV-Mühle zu befreien. Und wer über 50 ist, findet fast keinen existenzsichernden Job mehr. Und was das Nichtmelden eines Nebenjobs angeht, kann ich nur sagen: mir sind keine Fälle bekannt. Der sog. Aktiv-Passiv-Transfer wäre eine tragfähige Lösung.

Gardinenverkäufer hat gesagt…

@Stefan N: Glauben Sie mir, mir sind die Schicksale derjenigen, die mit Mitte 40/Anfang 50, ihren Arbeitsplatz verlieren bekannt.

Wir durchleben einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel - aber so lange es keine Bestrebungen (u.a. von den davon Betroffenen) gibt (woher auch), werden diese negativen Strömungen sich ungehindert fortsetzen.

Andererseits müsste auch die Politik dafür sorgen, dass Arbeitnehmer ab einem gewissen Lebensalter einem besonderen Schutz unterliegen - und die Arbeitgeber erkennen (wollen), dass ihnen "Humankapital" unersetzlich verloren geht. Aber wieder geht es nur ums Geld, denn die Lohnkosten für junge neue Kräfte sind wesentlich niedriger als langjährige Stammbeschäftigte.

Und "heute" bahnt sich schon wieder eine Form des Beschäftigungswechsels ab - waren es vor 15 Jahren migrierende Ost- bzw. Südosteuropäer die auf den deutschen Arbeitsmarkt drängten und für Billiglohn in prekären Beschäftigungsverhältnissen schufteten, sind sind es jetzt die "afrikanischen Migranten" die in deren Rolle schlüpfen - um von ihren Vorgängern beaufsichtigt zu werden.

und wieder muss der Ruf an die Politik ergehen - die dafür sorgen muss, dass tarifrechtliche und sozialversicherungsrechtliche Vorgaben eingehalten bzw. kontrolliert werden.

Kein Arbeitnehmer/Beschäftiger muss sein Arbeitsverhältnis vor dem Eintritt in das (gesetzliche) Rentenalter verlieren - nur Bedarf es dazu (mutiger) Menschen, die Veränderungen vorantreiben wollen.

Ich bin mir sicher, wenn gewisse Dinge auf den Prüfstand kommen, dann ist eine Mindestversorgung von jedem Arbeitnehmer mit 1500-2000 Euro mtl. drin.

Stefan N. hat gesagt…

@Gardinenverkäufer
Danke für Ihre Reaktion! Bitte gestatten Sie mir eine Frage: was sollen Ihrer Meinung nach die "mutigen" Menschen tun, um Dinge zu verändern? Das SGB II ist sehr streng und lässt keine Spielräume zu. Viele Betroffene wollen sich nicht mit den Behörden anlegen, weil ihnen sonst Sanktionen drohen. 30 % Kürzung des Regelsatzes sind eine Katastrophe. Man ist eingeschüchtert durch die Drohkulisse, die Hartz IV aufbaut. Das berichten so viele Betroffene. Ihren letzten Satz möchte ich ausdrücklich unterstreichen. Aber für derartige Reformen ist die Politik nicht bereit.

Gardinenverkäufer hat gesagt…

Danke für die Antwort - was sollten "mutige Menschen" tun? Ich für mich würde erst eine Art Stammtisch mit Gleichgesinnten ins Leben rufen - stellen wir uns zudem vor, da gründet jemand die "Hartz IV-Partei" oder auch "Looser-Partei", notfalls wenn man bereits Mitglied in einer Partei ist, auch kandidieren. 2. ich würde in regelmäßigen Abständen eine Petition beim deutschen Bundestag einreichen, 3. Sprechstunden bei den Abgeordneten vor Ort (Landtag/Bund) wahrnehmen.

Auf jeden Fall nicht ins Boxhorn jagen lassen

es gibt sicher noch viele andere Dinge bzw. Möglichkeiten.....