Montag, 20. März 2017

Die ritualisierte (Nicht-)Debatte über Armut und Armutsgefährdung, weitere Armutsberichte und ein wissenschaftlicher Ordnungsruf

Anfang März hat der Paritätische Wohlfahrtsverband gemeinsam mit einigen anderen Organisationen seinen Armutsbericht 2017 veröffentlicht (vgl. dazu auch den Beitrag Der neue Armutsbericht als Thema? Das machen alle. Deshalb ein Ausflug in den Keller des Arbeitsmarktes mit richtig harter Armut vom 2. März 2017 sowie die Aufarbeitung von Joachim Bischoff und Bernhard Müller: Marktschreier der Armut? Die Polemik und die Fakten) - und erneut mussten wir Zeugen werden einer fast schon ritualisierten Form der (Nicht-)Auseinandersetzung mit dem Armutsthema. Während Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband bei der Präsentation des neuen Berichts (mit Zahlen, die sich auf 2015 beziehen) bekannt deutliche Worte fand ("Die Armut in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand von 15,7 Prozent angestiegen"), setzte gleichzeitig das Gegenfeuer der Kritiker an dieser Form der Armutsberichterstattung ein. Hier nur einige Beispiele: Armutsbericht ist politische Marktschreierei, kommentiert Dagmar Pepping vom NDR, nicht nur semantisch der abfälligen Einordnung von Heike Göbel in der FAZ folgend, die ihren Kommentar unter die Überschrift Marktschreier der Armut gestellt hat. Von einer Stunde der Lobbyisten spricht der Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis und meint damit nicht etwa Lobbyisten der Waffenindustrie oder der Versicherungswirtschaft, die ihre Produkte verticken wollen, sondern er beklagt "die gelungene Lobbyarbeit der Sozialindustrie". Und selbst das sozialdemokratisch geführte Bundesarbeitsministerium meldet sich so zu Wort: Nahles-Ministerium zweifelt Armutsbericht an. „Die Fokussierung auf die Armutsrisikoquote ist verkürzt“, verkündet das Ministerium. „Andere Indikatoren, wie zum Beispiel die Anzahl der Langzeitarbeitslosen oder die Quote der erheblichen materiellen Deprivation, weisen eine andere Richtung auf.“ Ein Merkmal durchzieht so gut wie alle Texte der Kritiker - die Messung von "Armut" entsprechend dem relativen Armutsbegriff an einem Schwellenwert von 60 Prozent des Medianeinkommens sei "Humbug" oder "einfach nur skurril", wie beispielsweise Daniel Eckert behauptet. Dass das keineswegs so ist, wird gleich noch zu besprechen sein.

Aber vorweg ein Blick auf neue Berichte über die Welt der Armut, denn zuweilen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als wenn ein Teil der Debatte in den Medien von der Annahme auszugehen scheint, dass die "Skandalisierung" und das "Aufblasen" der Armutsproblematik sei ein persönliches Geschäftsmodell bzw. gar eine Hysterie von Ulrich Schneider, der natürlich aufgrund seiner medialen Präsenz wie auch aufgrund seiner langjährigen Befassung mit dem Thema gleichsam als Personifizierung der offensichtlich unliebsamen öffentlichen Anklage herhalten muss - in letzter Zeit gerne auch garniert mit dem Hinweis, der Herr Schneider sei ja im vergangenen Jahr geoutet worden als Parteimitglied der Linken, wo er eingetreten sei. Als wenn das schon ein Brandzeichen der Unglaubwürdigkeit wäre. Interessanterweise fragt niemand bei anderen Diskussionsteilnehmern, ob sie beispielsweise Mitglied der Union sind. Das ist schon eine bemerkenswerte Unwucht.

Man könnte sich auf diese Ebene auch bei einem "Widersacher" von Schneider begeben, der gerne von den Kritikern der gegenwärtigen Armutsberichterstattung durch die öffentliche Manege gezogen wird und zunehmend Gefallen daran gefunden hat, sich als Gegenpol zu zelebrieren: Georg Cremer, seines Zeichens Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, also auch eines Wohlfahrtsverbandes. Und der stellt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ex cathedra fest: Die Belange der Armen werden rhetorisch missbraucht. Und meint damit explizit solche Armutsberichte wie den vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Seine Sicht:
»Es gibt in Deutschland einen starken Sozialstaat, ein ausgebautes Bildungssystem, vielfältige Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, differenzierte Beratungsdienste, ein gutes medizinisches System, eine aktive Arbeitsmarktpolitik. Es gibt somit ein ausgebautes Netz, das Menschen beisteht, wenn sie Unterstützung brauchen.«
Allenfalls bei der Verhinderung der Entstehung von Notlagen sei die deutsche Sozialpolitik "nicht wirksam" genug. Das werden sicher viele Praktiker in seinen Caritas-Reihen ganz anders seien, aber diese Fehde soll hier gar nicht weiter verfolgt werden.

Denn auch andere haben sich in diesen Tagen zum Thema Armut zu Wort gemeldet - und was man dort erfahren kann, lässt einen an der Wohlfühlen-Diagnose (die übrigens für mindestens 60 Prozent der Bevölkerung absolut zutreffend und von denen auch bestätigt wird) doch mehr als zweifeln.

Schauen wir beispielsweise zur Arbeiterwohlfahrt (AWO), denn die hat sich mit einem eigenen Armutsbericht in die Debatte eingebracht. Konkret geht es um diese Veröffentlichung:
AWO Bundesverband (2017): Selber schuld? Analyse der AWO von strukturellen und institutionellen Armutsursachen, Berlin 2017
Über die Definition von Armut und über Armutssymptome wird viel gesprochen. Aus Sicht der AWO ist es aber mindestens genauso wichtig die Ursachen - also die Gründe für Armut zu untersuchen. Das Positionspapier der AWO argumentiert multiperspektivisch, was meint, dass das relative Einkommensarmutsrisiko als ein Indikator selbstverständlich akzeptiert wird, man aber den Blick auf weitere Dimensionen zu lenken versucht: Gesundheit,  Familie,  Bildung (Kita, Schule, Übergang von Schule zu Beruf),  Alter (Rente, Pflege), Ausländerrecht, Wohnungslosigkeit,  Sozialraum und Straffälligenhilfe. Auch dieser Bericht zeigt auf, dass die soziale Ungleichheit (was ein erweitertes Modell ist als die Reduktion auf materielle Armut im engeren Sinne) zunimmt. Die AWO formuliert für jeden der Teilbereiche dann zentrale Forderungen (vgl. für eine Übersicht AWO 2017: 91 ff.).

Die Gesundheit wurde schon angesprochen, sie ist auch einer der Teilbereiche in dem neuen AWO-Bericht. Vor wenigen Tagen gab es in Berlin einen großen Fachkongress zum Thema "Armut und Gesundheit" mit mehr als 2.000 Teilnehmern. Ein großes und wichtiges Thema. Auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen hin hat die Bundesregierung dazu Auskunft geben müssen - Folgen von Armut und sozialer Ungleichheit für die Gesundheit, so ist die Bundestags-Drucksache überschrieben.

Und immer wieder ein besonderes und höchst ambivalentes Thema innerhalb der Armutsdiskussion ist der Themenstrang Kinderarmut. Hierzu als Leseempfehlung die Stellungnahme der Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder (Kinderkommission) des Deutschen Bundestages zum Thema „Kinderarmut“ vom 9. März 2017. Die neun Seiten sind eine komprimierte Zusammenfassung des Diskussionsstandes und werden durch Empfehlungen der Kommission abgerundet.
In diesem Kontext auch interessant und relevant - am heutigen Montag wurden der Kinder- und Jugendmonitor 2017 der Arbeitsgemeinschaft Jugendhilfe (AGJ) der Öffentlichkeit vorgestellt. Kinder- und Jugendmonitor: 3,7 Millionen junge Abgehängte, so ist beispielsweise einer der aktuellen Berichte darüber überschrieben.
»Der heute vorgestellte "Deutsche Kinder- und Jugendmonitor 2017" zeigt, dass noch immer 3,7 Millionen junge Menschen schlechte Start-Chancen haben: Zehn Prozent der Kinder wachsen ohne erwerbstätige Eltern auf, 19 Prozent sind von Armut bedroht. Immer noch hänge der Bildungserfolg maßgeblich vom Elternhaus und vom Wohnort ab ... Viele Jugendlichen sähen sich mit einem "Stotter-Start" in den Arbeitsmarkt konfrontiert.« Für Kitas und Ganztagsschulen wird eine "Qualitätsoffensive" gefordert. »Zusätzliche Belastung für die Kinder- und Jugendhilfe kommt vor allem durch den Zuzug von Flüchtlingen. 680.000 Menschen unter 25 Jahren seien laut Monitor 2015 und 2016 nach Deutschland eingewandert. Darunter etwa 160.000 Kinder unter sechs Jahren - im Kita-Alter also. Bisher würden die Kita-Angebote aber nur in sehr geringem Maße von Flüchtlingsfamilien genutzt.« Nicht überraschend wird gefordert, dass allen Flüchtlingskindern ein Kitaplatz angeboten werden müsse. »Ein großes Problem sieht die AGJ bei den Ganztagsschulen: "Dies ist keine Erfolgsgeschichte" ... Ganztagsschulen würden ihrem Anspruch nicht gerecht, Bildungsgerechtigkeit herzustellen. Das Lernkonzept sei zu starr und es gebe wenig attraktive Angebote.«
Abschließend aber wieder zurück zu einer der Hauptkritiklinien an den Aussagen der meisten vorliegenden Armutsberichte: Die Messung von Armut bzw. korrekt: von Armutsgefährdung am Einkommen und dann auch noch als Unterschreiten des Schwellenwerts von 60 Prozent des Medianeinkommens sei irreführend, "skurril", habe nichts mit Armut zu tun. Dazu wurde ja auch in diesem Blog in vielen Artikeln immer wieder einiges geschrieben, vgl. beispielsweise den Beitrag Von abstrakten "Armutsgefährdungsquoten", bekannten Mustern der ungleichen Armutsverteilung und bedenklichen Entwicklungen vom 23.09.2016.

Hier aber soll - gleichsam als eine Art wissenschaftlicher Ordnungsruf - auf einen neuen Aufsatz der Volkswirtin und renommierten Verteilungsforscherin Irene Becker hingewiesen werden, der im Heft 2/2017 der Fachzeitschrift WSI-Mitteilungen publiziert worden ist: Kritik am Konzept relativer Armut - berechtigt oder irreführend? Die EU-weit vereinbarten Indikatoren zur Erfassung relativer Armut werden neuerdings zunehmend kritisiert. Damit setzt sich Becker fundiert auseinander.
Der »Rückgriff  auf den Ansatzpunkt der relativen Einkommensarmut (erfolgt) keineswegs aus Ignoranz gegenüber der Vielschichtigkeit von Armut bzw. Teilhabe. Vielmehr wird von der Annahme ausgegangen, dass Einkommen zwar nicht von alleinigem, aber doch von entscheidendem Einfluss auf Teilhabemöglichkeiten in nahezu allen Lebensbereichen ist ... Wegen der weitreichenden Interdependenzen von Teilhabedimensionen und der Zusammenhänge zwischen materiellen Ressourcen einerseits und immateriellen Aspekten wie Gesundheit, Entwicklungs- und Bildungschancen andererseits kann das Konzept der relativen Einkommensarmut aber nicht durch andere Konzepte ersetzt, sondern lediglich ergänzt werden. Einkommen wird in der Armutsforschung also als indirekter Indikator für Teilhabemöglichkeiten verstanden« (S. 100).

Genau das ist der Punkt - und dass das der bislang beste Indikator für tatsächliche Armutslagen ist, könnte in der Vergangenheit auch in vielen Studien gezeigt werden. Dass natürlich eine solche Armut in Deutschland auf einem anderen monetären Niveau liegen muss, ergibt sich aus dem Charakter eines relativen Armutsbegriffs, aber auch aus der schlichten Tatsache, dass eben ein Euro in Deutschland einen anderen Wert hat als ein Euro in Bulgarien oder noch weiter weg.

Aber immer wieder und gerne auch von den Medien aufgegriffen wird grundsätzliche Kritik an dem Messverfahren vorgetragen: Im Rahmen derartiger Kritik wird regelmäßig auf Armut in Entwicklungsländern, aber auch auf die Situation in den Nachkriegsjahren in Deutschland – als die Existenzgrundlagen weitgehend zerstört waren – verwiesen, um das Konzept zu desavouieren. Nach Auffassung von Irene Becker ein großes "Missverständnis" bzw. eine rein normative begründete Abwehrhaltung. Sie verdeutlicht das sehr schön an diesem Beispiel:
»Beispielsweise wird den neuerdings durchgeführten Messungen von Feinstaubbelastungen in Großstädten nicht entgegengehalten, dass die Belastung der Atemwege in China wesentlich größer ist bzw. in Deutschland für die „Trümmerfrauen“ in der Nachkriegszeit, für viele Arbeiterberufe während der Zeit des „Wirtschaftswunders“ und für die Gesamtbevölkerung vor Einführung von Katalysatoren für Dieselfahrzeuge erheblich stärker war.« (S. 102)

Im weiteren Gang der Abhandlung setzt sich Becker dann mit weiteren Kritikpunkten auseinander, beispielsweise mit der ihrer Meinung nach problematischen Verdrängung des Begriffs Armut durch  Armutsrisiko, mit dem zum Ausdruck gebracht werden soll, dass ein Leben unterhalb des Schwellenwerts relativer Armut nicht auch faktisch Armut bedeuten muss. Hinsichtlich von Einzelfällen leuchtet das intuitiv ein. Aber, so der Einwand von Irene Becker:
»Die kritisierte allgemeine Unschärfe des Grenzwerts und der darauf bezogenen Kennzahlen ist bei eindimensionalen Messungen unvermeidbar, sie geht allerdings in zwei Richtungen, womit die Effekte auf das Messergebnis sich tendenziell ausgleichen. Denn analog zu dem Einwand, dass gesellschaftliche Teilhabe trotz eines Einkommens unterhalb der Schwelle möglich sein kann – beispielsweise weil ausreichende Ersparnisse verfügbar sind, Ermäßigungen im Rahmen eines „Sozialtickets“ in Anspruch genommen werden können –, ist zu berücksichtigen, dass ein Einkommen oberhalb der Schwelle nicht in jedem Fall eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. So kann bei Verschuldung die Zins- und Tilgungslast das für die Lebensführung verfügbare Einkommen unter die Armuts(risiko)grenze drücken und zu faktischer Armut führen; in ähnlicher Weise können besondere Lebenshaltungskosten bei Krankheit oder Behinderung (Zuzahlungen zu Medikamenten etc., kostenaufwändige Ernährung) dazu führen, dass von einem Einkommen oberhalb des Grenzwerts nur ein unter der Schwelle liegender Betrag für die „normalen“ Bedarfe verbleibt, ein Minimum sozialer Teilhabe also nicht erreicht wird.« (S. 104)
Die genaue Identifizierung von Einzelpersonen als arm ist mit dem verwendeten relativen Einkommensarmutsmaß nicht möglich, aber auch gar nicht Sinn der statistischen Armutsberichterstattung. Aber Abweichungen unten gleichen sich durch Abweichungen oben wieder aus.

Sie setzt sich auch auseinander mit den regionalen Unterschieden der Lebenshaltungskosten und der Forderung, dass ein Einkommensarmutsmaß diesen Differenzen Rechnung tragen müsste/sollte. Hier gibt es allerdings (noch) erhebliche statistische Mess- und Abbildungsprobleme. Vorsicht geboten ist aus ihrer Sicht bei gruppenspezifischen Armutsindikatoren. Ein Beispiel: »Wenn beispielsweise nach selbstständig und unselbstständig Erwerbstätigen untergliedert wird, sollte die nur eingeschränkte Vergleichbarkeit der Einkommen beider Gruppen beachtet werden – zumindest wenn der Analyse ein formaler Nettoeinkommensbegriff  zugrunde liegt. Denn die Einkommenssituation wird bei Selbstständigen insofern überschätzt, als sie nicht in die Sozialversicherung einbezogen sind und ihre Altersvorsorge aus dem Nettoeinkommen finanzieren müssen.« (S. 105) An dieser Stelle geht Becker auch ein auf die immer wieder von den Kritikern vorgebrachte Argumentation, die tatsächlich überdurchschnittliche altersspezifische Armutsquote sei beispielsweise bei den 18-24-Jährigen künstlich aufgebläht, weil darunter auch die Azubis und die Studierenden fallen. Dazu Becker:
»Ein Blick in die Empirie zeigt allerdings, dass die hervorgehobene Teilgruppe eine – wenn auch beträchtliche – Minderheit unter den betroffenen Jugendlichen insgesamt darstellt: Von den 1,2 Mio. Jugendlichen unterhalb der Einkommensarmutsgrenze waren zwar vier Fünftel in einer Ausbildung (ca. 865.000 Jugendliche), davon wiederum aber nur knapp 370.000 in einem eigenen Haushalt (31 % der Jugendlichen unter der Einkommensarmutsgrenze).«
Und auch hier werden wir wieder damit konfrontiert, dass gegenläufige Unschärfen der Armutsmessung ausgeblendet werden. »Denn den jungen Menschen, die mit einem Einkommen unterhalb des Grenzwerts möglicherweise zurechtkommen (können), stehen andere gegenüber, die trotz eines höheren Einkommens faktisch in Armut leben und nicht in die Statistik eingehen – z. B. Auszubildende mit theoretisch hinreichender Ausbildungsvergütung, die wegen ungünstiger ÖPNV-Verbindungen zum Schichtdienst einen Pkw finanzieren müssen mit der Folge einer Bedarfsunterdeckung insgesamt.« Und wenn man weiterdenkt: »Demzufolge wäre die Armut derjenigen kurz vor der Ruhestandsphase insoweit unterschätzt, als älteren Menschen ohne Vermögen knapp oberhalb der Einkommensarmutsgrenze dauerhafte Altersarmut bevorsteht; diese Unterschätzung würde die potenzielle Überzeichnung der Armut junger Erwachsener kompensieren.« (S. 106)

Fazit: Alles nicht so einfach, aber viele der intuitiv einleuchtenden Gegenargumente das Konzept der relativen Einkommensarmutsmessung betreffend lassen sich mehr als entkräften. Man muss an dieser Stelle der Ausarbeitung von Irene Becker eine weite Verbreitung wünschen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Nur ganz kurz aus meiner Sicht erklärt, was für mich Armut bedeutet: Wenn Wohlfahrtsverbände und Unternehmen 1 Euro-Jobber beim Jobcenter abrufen, sie ausbeuten, und dann nach einem bis 5 Jahren wieder zurück ins Jobcenter schicken. Das ist Armut.

Anonym hat gesagt…

"Man muss (..) der Ausarbeitung von Irene Becker eine weite Verbreitung wünschen", so Prof. Sell. Das kann ich vollständig unterstützen, aber unsere Bitte sollte sich an das WSI als Institut der Hans-Böckler-Stiftung bzw. den DGB richten, dort wird der vollständige Artikel leider nur kostenpflichtig angeboten. In Anlehnung an den Vorredner: vielleicht ist gerade das arm.

Anonym hat gesagt…

Gerade diejenigen, die eine seriöse Wissenschaft betreiben, dürften die letzten sein, die sich gegen eine kritische Einschätzung wissenschaftlicher Methoden und Ergebnisse auch durch die Öffentlichkeit wenden. Im Gegenteil, und deshalb ist der mit dem Blogartikel erfolgte wissenschaftliche Ordnungsruf auch glaubhaft: Das kritische Fragen und Prüfen auch in Bezug auf die eigenen Erkenntnisse ist fundamentaler Bestandteil dessen, was Wissenschaft ausmacht und den „Zugewinn“ von Wissen erst ermöglicht. In zugegeben vager Erinnerung an einen Klassiker der Soziologie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann: „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie“, fand ich bei Wikipedia folgendes Zitat daraus:

„Für unsere Zwecke genügt es, ‚Wirklichkeit‘ als Qualität von Phänomenen zu definieren, die ungeachtet unseres Wollens vorhanden sind - wir können sie ver- aber nicht wegwünschen. ‚Wissen‘ definieren wir als die Gewißheit, daß Phänomene wirklich sind und bestimmbare Eigenschaften haben.“

Wobei der Artikel nicht zu erwähnen vergisst, dass die Worte Wirklichkeit und Wissen von Berger/Luckmann immer als mit Anführungszeichen versehene gedacht werden, die nur des besseren Stils weggelassen werden, aber gedanklich deshalb nicht verschwinden. Absolute Wahrheiten gibt es in der Wissenschaft nicht. Ebenso wenig ist mit dem Zitat gesagt, dass Phänomene wie Armut und z. B. Arbeitslosigkeit etwas sind, was nicht zu beseitigen oder wenigstens abzumildern wäre. Gesagt wird nur, dass das nicht durch bloßes (Weg-)wünschen geschehen kann. In Bezug auf die Arbeitslosigkeit sehe ich das durch meine Alltagserfahrung bestätigt. Auch reale Maßnahmen wie Bewerbungen, Teilnahme an Arbeitsgelegenheiten, ehrenamtliche Tätigkeit und Fortbildungen führten nicht dazu. Was ich aber erlebe ist, dass stattdessen viele in der Gesellschaft mich, den Arbeitslosen ver- bzw. wegwünschen. Und ich denke, das wird von den Armen der Gesellschaft ähnlich erlebt. Was der Blogartikel nämlich einmal treffend schildert, ist der Versuch einer Beseitigung des Wissens von der Armut auch durch die Denunziation seiner entwickelten wissenschaftlichen Begrifflichkeit und ihres Ersatzes durch nur nebulöse Vorstellungen von Armut und ihren Ursachen in der Bevölkerung. Das eben auch, weil von Kreisen in Wirtschaft, Medien und Politik eine Beseitigung von Armut selbst nicht erwünscht ist.

Nun ist das Vertreten interessengeleiteter Argumentationen nicht von vornherein falsch. Auch mit Interessen können allgemeingültige gesellschaftliche Tatbestände verbunden sein. Worum es aber bei der gegenwärtigen Armutsdiskussion geht, bzw. was sich schon wie selbstläufig entwickelt, ist die inhaltliche Entleerung des Armutsbegriffs, wie das in verschiedenen vorangegangenen Blogartikeln erläutert wird. Und dabei wird vor bewusst durchgeführten „Mordanschlägen“ auf den Begriff nicht zurückgeschreckt. Was dann kommt, ist die interessengeleitete Konstruktion gesellschaftlicher Unwirklichkeit, gegen die es sich zur Wehr zu setzen gilt. Ganz fatal und gefährlich ist, dass darüber Wissensbestände der Gesellschaft zerstört werden, weil Wissen diesen Vorgängen der Nicht-Debatte nicht mehr gefragt ist und stört.

Es ist schon beängstigend, wie wenig eine Wissensgesellschaft von sich selber wissen will und sich dessen so wenig bewusst ist.

Anonym hat gesagt…

"Man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen." Diese Brechtworte kommen mir in den Sinn, wenn ich die im Artikel entwickelten Gedanken mühevoll durch Lesen erschließe. Mühevoll deshalb, weil der ganze Text, den ich übrigens für zutreffend halte,praktisch seine Struktur vor dem Leser verbirgt. Keine Zwischenüberschriften! Und so stürzt der geneigte Leser unvermittelt von einer Sachlage in die nächste. Nur unterbrochen von einigen Millimetern weißen Papieres. Vielleicht kann man sich so unter hauptberuflichen Sozialforschern verständigen. eine Außenwirkung entfaltet so ein Text aber nicht. Und dabei ist er so wichtig. Aber für wen ist er geschrieben? Für die Berufskollegen? Oder vielleicht auch für Suchende, die die Leidtragenden der allgemeinen Verarmung sind? Die dürften nicht die Kraft haben, durch Lesen dieses auf den ersten Blick unstrukturierten Textes bis zum Ende zu kommen. Das finde ich sehr schade. Auch so kann man - unfreiwillig - Wissen zerstören.

Stefan Sell hat gesagt…

Ich betreibe diesen Blog in meiner "Freizeit" und neben meinen sonstigen Verpflichtungen. Und wenn ich die Zeit hätte, dann würde ich mir zahlreiche didaktische Finessen ausdenken, um Ihnen ein angenehmes Leseerlebnis zu ermöglichen. Habe ich aber nicht. Und ich schreibe hier längere Texte, weil es um komplexe Themen geht, die man meiner Meinung nach eben nicht in kurzen, appetitlich angemachten Texten darstellen kann. Wenn es Sie überfordert oder Sie gerne was für die Augen hätten - die Welt der Medien ist vielgestaltig und bunt und man kann dort sicher Angebote finden, die einem besser passen.

Gardinenverkäufer hat gesagt…

Armut entsteht nicht aus dem Nichts. Armut (einschließlich ihrer Entstehung und den Folgen) hat vielschichtige wirtschaftliche, soziale und politische (aber auch geschichtliche) Hintergründe.

Erinnern wir uns an die Geschichte eines indischen Kaisers, der den Erfinder des Schachspiels unbedingt belohnen wollte. Er solle einen Wunsch äußern un dabei nicht zu bescheiden sein. Dieser forderte von Kaiser lediglich. dass dieser auf ein Schachbrett 1 Reiskorn auf das erste Feld (von 64) legen solle, auf das zweite 2 und 4 auf das Dritte - und auf jedes weitere Feld die doppelte Anzahl der Reiskörner des vorherigen Feldes (die Lösung findet ihr hier: http://www-hm.ma.tum.de/ws1213/lba1/erg/erg07.pdf)

So wie diese Geschichte das Entstehen eines "gewissen" Ungleichgewichts verdeutlicht - Schachspielen galt lange als der höchste Ausdruck menschlicher Intelligenz - verschiebt sich heute die Einkommensschicht.

Bert Brecht beschrieb es mit folgenden Worten: Reicher Mann und armer Mann, standan da und sah`n sich an - und der Arme sagte bleich; "wär ich nicht arm, wärst du nicht reich".

Diese Sätze von "BB" finden sich in dem Bericht "Einsamer Reichtum basiert auf der Verarmung der Bevölkerung - Gemeinsamer Reichtum basiert auf der Beschränkung der Reichen, v. Harald Wozniewski wieder (2004).

Wozniewski geht von einem langfristigen Konjunkturzusammenbruch aus. Den wesentlichen Grund dafür zeigt ein einfaches volkswirtschaftliches Modell in einer Excel-Tabelle die auch den "kleinen Fehler" in unserer Wirtschaftsverfassung zeigen soll (Meudalismus Modell).
Seine Thesen und Berechnungen - und auch die Lösung (Teil 2, Wenn das Geld fliesst wie der Nil in der Wüste) - findet ihr hier: http://www.meudalismus.dr-wo.de/html/reichtum.htm

Der Börsenmakler und Buchautor Dirk Müller sagt : Wir haben kein Geldproblem, kein Schuldenproblem - wir haben ein Verteilungsproblem - Video: www.youtube.com/watch?v=DJlD74xYFig

Die gesellschaftliche Rolle von Armut und der Armen beruht auf der aktuellen
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die Rolle von Armut und den Armen ändert sich dann,
wenn sich diese Ordnung ändert. Grundsätzliche Fragen zu stellen ist daher eine sehr
wirksame Art der Armutsbekämpfung!

Verfolgt man sozialpolitische Debatten – von diversen politischen Akteuren/-innen und / oder Medien, resümiert man eigene Erfahrungen aus armutspolitischen Veranstaltungen der letzten beiden Jahrzehnte, verdichtet sich der Eindruck, dass nicht einmal die Armutsdefinition der EU aus dem Jahr 1984 (Beschluss des Rates vom 19.12.1984 über gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut auf Gemeinschaftsebene) wirklich angekommen ist.

Als Ergebnis kann man sagen, dass Armut letztendlich mitunter auf "kriminellen Handeln" Dritter beruht, die dafür sorgen, dass das Wasser nicht mehr die Wurzeln der Pflanzen und Bäume erreicht.

Wir brauchen also neue Denkansätze wie "wir" "das Wasser wieder umleiten können" und dorthin zurückbringen können wo es so dringend benötigt wird.

Anonym hat gesagt…

Ich habe schon zwei Ein-Euro-Jobs hinter mir und hatte nur 3 km zur Mittelschule, wo ich als Nachhilfelehrer tätig war. So hatte ich wenigstens 130 EURO im Monat extra. Den Leuten geht es ums Geld. Da ist jeder EURO willkommen, auch wenn es beruflich nichts bringt, ganz zu schweigen von Rentenanwartschaften. Die Gemeinde, in der ich wohne, hatte früher über 50 solcher Jobber und ließ sie bisweilen auch normale Arbeiten verrichten. Aber die Betroffenen haben es zumeist gerne gemacht. Ich habe mit einigen darüber gesprochen. Und das waren bei weitem nicht alles Leute ohne Abschlüsse.
Als anonym schreibe ich, da man nie wissen kann, wer einem daraus einen Strick dreht:) Hartz IV ist auch spitzeln im Netz!!

Anonym hat gesagt…

Ich muss anonym 21. März 2017 um 18:05 leider Recht geben. Was dort bemängelt wird, ist aber keine Frage von Komplexität oder Umfang, sondern der Textstrukturierung. Mehr (Sinn-) Absätze, gelegentliche Zwischenüberschriften und die Vermeidung überlanger Sätze oder Zitierungen, führen einfach zu besserer Lesbarkeit, und kosten nichts.

Ich weiß durchaus zu schätzen, dass Sie die geneigte Leserschaft in Ihrer Freizeit über aktuelle Sozialpolitik auf dem laufenden halten, und hierzu auch eine Kommentarfunktion geschaltet haben. Deshalb lese ich den Blog auch - in meiner Freizeit. Anonym 21. März 2017 um 18:05 meinte es wohl weniger als Kritik, denn als Verbesserungsvorschlag. Sie müssen ja nichts ändern, der interessierte Leser wird die Seite ohnehin weiter verfolgen.

Dass die Würze in der Kürze liegt, ist noch mal eine ganz andere Baustelle. Komplexe Sachverhalte prägnant auf den Punkt zu bringen, das ist eine Kunst, die zugegebenermaßen nicht unerhebliche Arbeit erfordert.

Stefan Wehmeier hat gesagt…

Die Lösung der Sozialen Frage

Wie alles Geniale ist die einzige Lösung für absolute soziale Gerechtigkeit, die allgemeinen Wohlstand und den Weltfrieden mit einschließt, einfach. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, eine "hochmoralische Gesellschaft" auf einem utopischen Altruismus aufbauen zu wollen, sondern wir müssen mit dem rechnen, worauf wir uns verlassen können: der Egoismus. Jeder Mensch kann überhaupt nur wissen, was das Beste für ihn selber ist, nicht aber, was "das Beste" für andere ist. Und sobald sich jemand dazu erdreistet, greift er bereits in die Freiheitsrechte der anderen ein! Es ist hinreichend, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass beim freien Spiel der Kräfte von Angebot und Nachfrage das natürliche Streben nach Eigennutz auch gleichzeitig das Beste für alle bedeutet. Dafür muss die "Goldene Regel"...

"Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst."

...lediglich für die beiden grundlegenden Interaktionen zwischen allen Menschen gelten:

1. Der Tausch
2. Der Verleih

Wie sieht es damit in der (noch) bestehenden Wirklichkeit aus? Beim Tausch Ware gegen Geld ist zu beobachten, dass der Verkäufer (Warenbesitzer) sich stets wie ein unterwürfiger Diener gegenüber dem Käufer (Geldbesitzer) verhalten muss, damit der Tausch überhaupt zustande kommt. Das herkömmliche Geld ist aufgrund seiner Dauerhaftigkeit und des Vorteiles der Liquidität den Waren überlegen, sodass von einem gerechten Tausch keine Rede sein kann. Der Unterschied zwischen Geld und Ware wird auch beim Verleih deutlich. Wird ein Zentner Kartoffeln verliehen und nach einem Jahr mit der gleichen Menge Kartoffeln aus neuer Ernte zurückgezahlt, hatte der Kreditnehmer den Vorteil, dass er nicht hungern musste, und für den Kreditgeber ist vorteilhaft, dass seine zuvor überschüssigen Kartoffeln in der Zwischenzeit nicht verfault sind. Wird aber Geld verliehen, ist der Kreditgeber im Vorteil und kann vom Kreditnehmer einen Zins verlangen. Der Zins ist der Ausdruck der Überlegenheit des herkömmlichen Geldes gegenüber den Waren. Das Zwischentauschmittel Geld, das den Warenaustausch erleichtern soll, verhindert somit den gerechten Tausch ebenso wie den gerechten Verleih.

Daraus können wir erst einmal folgern, dass bei Verwendung eines fehlerhaften Geldes jeder Apell an die "Moral" ebenso nutzlos ist wie der "Sozialstaat". Denn solange die grundlegendsten Interaktionen zwischen allen Menschen einer systemischen Ungerechtigkeit unterliegen, darf man wohl nicht darauf hoffen, durch eine wie auch immer geartete Veränderung in der Gesinnung des Menschen eine gerechte und friedliche Gesellschaft aufbauen zu können. Das Geld abschaffen? So dumm waren nicht einmal die von jeder Moral befreiten Kommunisten. Selbstverständlich kann das Geld nicht abgeschafft werden, sondern es ist die Überlegenheit des Geldes gegenüber den Waren zu neutralisieren.

http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/03/entwicklung-der-moral.html