Dienstag, 12. April 2016

Viele Menschen stehen vor der Altersarmut, wenn sich im System nichts ändert. Aber gleich mehr als 25 Millionen Menschen? Wohl kaum

Was für eine Aufregungswelle in den Medien. Der WDR hat Ergebnisse einer Recherche zur drohenden Altersarmut ab dem Jahr 2030 veröffentlicht. Mit einer mehr als beunruhigenden Botschaft, die natürlich sofort aufgegriffen wurde: Fast jedem Zweiten droht die Altersarmut: »2030 werden von 53,7 Mio Rentnern etwa 25,1 Mio. von Altersarmut bedroht sein.« Schon an dieser Stelle sollte man sich verwundert die Augen reiben, dazu gleich mehr. Aber lesen wir weiter: »Ursache dafür sind nicht nur niedrige Löhne etwa im Einzelhandel oder im Gastgewerbe, sondern auch die hohe Zahl von Teilzeitbeschäftigten, Solo-Selbständigen oder Mini-Jobbern. Gerade in diesen Gruppen dürfte das künftige Armutsrisiko im Alter massiv sein. Um im Jahr 2030 eine Rente über dem Grundsicherungsniveau zu bekommen, müsste ein Arbeitnehmer nach heutigem Stand 40 Jahre lang ununterbrochen pro Monat mindestens 2.097 Euro brutto verdienen.« Da wird ein Finger auf eine klaffende Wunde legen, wie es seit vielen Jahren von den nicht-interessengebundenen Sozialpolitik-Beobachtern getan wird - auch immer wieder in Beiträgen zum Thema Altersarmut auf dieser Seite.
Und gerade weil es so wichtig ist, dass das Thema breit in der Gesellschaft diskutiert und endlich auch über eine fundamentale Reform des Alterssicherungssystems gestritten wird, sollte man sich nicht durch grobe Fehler eine Blöße geben.
Damit wären wir wieder bei den Zahlen im ersten Zitat aus dem WDR-Bericht: 53,7 Mio. Rentner 2030? In welchem Land leben die Verfasser des Berichts. Schon hier hätte man innehalten müssen, wenn man nur mal berücksichtigt, dass wir derzeit etwas über 20 Mio. Rentner haben, die in Deutschland leben. Müssen wir von einer dramatischen Zuwanderung von Millionen Ruheständlern ausgehen in den kommenden Jahren? Wohl kaum. Da hat sich schlichtweg jemand verstrickt in den großen Zahlen.
Auch Paul M. Schröder vom Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) hat das unter der hier zutreffenden Rubrik "absurde Statistik" aufgegriffen: WDR: 53,7 Millionen Rentnerinnen und Rentner in 2030 - wie und wo?, fragt er ebenfalls.
»Nach der 13. Bevölkerungsvorausberechnung der statistischen Ämter des Bundes und der Länder werden in der Bundesrepublik Deutschland Ende 2030 z.B. nach der Variante 2 ("Kontinuität bei stärkerer Zuwanderung") 80,919 Millionen Menschen leben, darunter 19,239 Millionen im Alter von 67 Jahren und älter. Und nach der Variante 3 ("relativ alte Bevölkerung") 79,631 Millionen Menschen, darunter 19,555 Millionen im Alter von 67 Jahren und älter.«
Auch wenn es ein oder zwei Millionen Menschen in der Altersgruppe mehr sein sollten - das ist alles ganz weit weg von den über 50 Mio. Rentnern des Jahres 2030. Die wird es nicht geben, weil es sie nicht geben kann.

Es wäre natürlich schön, wenn eine Projektion des WDR eintreten würde, die allerdings auf den völlig aus dem Ruder gelaufenen Zahlen abgeleitet wurde und damit nicht realistisch ist: In einer tabellarischen Übersicht findet man den Hinweis für 2030, dass 28,6 Mio. Menschen mit einer ausreichenden Rente versorgt sein werden. Wenn uns dieser Wert gelingen würde, hätten wir keine Altersarmut mehr. Wenn.

Foto: © Alexander Raths / Fotolia 

Kommentare:

Nachtengel Samael hat gesagt…

Darum traue ich halt keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.
Dabei frage ich mich allerdings immer nach dem "erkenntnisleitenden Interesse" der Verfasser solcher Nachrichten bzw. Fehlinformationen.

Rainer Kühne hat gesagt…

Heute werde ich mich wohl an die Buchstabenzählung halten können,reicht sogar noch für einen kleinen Verbesserungsvorschlag: VORHER den Hinweis UND oben einen kleinen Zähler , bitte !
ALTERSARMUT wird sicher DANN eine Gefahr bleiben, wenn POLITIK sich nicht endlich traut GRUNDGESETZ-KONFORME Lastenteilung durchzusetzen, wenn sich nicht auch GESELLSCHAFTLICH DEMOKRATIE-FORDERNDE Strukturen einrichten, wenn KEINE WERT-BILDENDEN und -BINDENDEN Gemeinsamkeiten heran wachsen, wenn also unsere Gesellschaft sich weiterhin so auf Vorherrschaft von ADMINISTRATIVEN Variablen und Strukturen verlässt.
DIESER WEG der " MASSEN-ALTERSARMUT " zeigt schon seine Spuren in fast Jahrzehnten, gezeigt überdeutlich in der Bedienungspraxis STAATLICHER Instanzen, dem VERSAGEN SOZIAL-RECHTLICHER Kontrolle,der Abweisung Bürgerlicher RECHTE, schlicht und dennoch erschreckend ver-deckt durch stete Aushöhlung DEMOKRATISCHER Gesinnung. Diese findet ihren Niedergang in der Qualität des Parlamentes durch die mängel-behaftete Qualifikation der in der Verantwortung stehenden Parteien
UND die die SEHR GERING ausgebildete Reife der STAATSBÜRGER in ihrem Bewusstsein als TRÄGER DIESES STAATES, als GLIED des STAATSVOLKES, das für sich die WÜRDE als SOUVERÄN zu beanspruchen das RECHT hat !
Ich gebe zu bedenken, dass heute Mittwoch ist, es ist also nicht das
>>> WORT zum SONNTAG <<<, es darf auch anders gedacht werden ! Und zwar HIER, es ist der Platz, an dem das Element des " SOZIALEN " zu-rück geführt werden kann auf des Wortes Stamm: SOZIUS - der Wegbe-gleiter, der uns täglich begegnet. WIR MÜSSEN IHN NUR SEHEN und ALS GLEICHEN UNTER GLEICHEN ANERKENNEN !
Na, war ich gut im Zeilenzähler, ich werd's erfahren, jetzt, aber zu spät !

Anonym hat gesagt…

Wir sind längst kein 80 Millionen Volk mehr,wenn man die Menschen mit Wurzeln im Ausland heraus rechnet.
Müsste man aus Deutschland fliehen, würden viele der Menschen die ihre Wurzeln im Ausland haben fliehen und viele Einheimische die Geld haben.

»2030 werden von 53,7 Mio Rentnern etwa 25,1 Mio. von Altersarmut bedroht sein.«

Über die Hälfte der Bevölkerung sollen Rentner sein.Das ist absurd.
Das stimmt natürlich nicht.

Traue nie einer Statistik die du nicht selbst gefälscht hast.


Anonym hat gesagt…

Es ist das selbe Thema wie beim IWF in Groechenland. Man nimmt eine bittere Armut innerhalb der Gesellschaft schlicht in Kauf ohne auch nur wenigstens einmal an eine höhere Abgabenpflicht für Superreiche zu denken. Das ganze System ist kaputt, denn es vertritt allein die Intressen der Reichen. Das wird sich niemals ändern, es sei den es gibt eine Revolution! FANGT ENDLICH AN ZU PLANEN, ES GIBT KEINE ALTERNATIVE ZU EINER UMFASSENDEN REVOLUTION!!!

Stefan Sell hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Kühne,

neben der Tatsache, dass Sie bislang der erste Fall waren, bei dem der Platz für einen Kommentar nicht ausgereicht hat - einen Zähler kann ich hier nicht einbauen, denn ich bin nicht Programmierer dieser Seite, sondern das ist ein Google-Produkt, das ich gerne nutze. Ein entsprechendes Gadget, wie Sie es sich wünschen, ist mir noch nicht untergekommen, so dass ich ihrem Wunsch nicht entsprechen kann.
Mögliche Lösung: Einfach ein wenig kürzer fassen.
Oder wenn es denn mehr sein muss, auf zwei oder drei Kommentare aufspalten.